Prävention: Soll man gesunde Menschen vorbeugend mit Medikamenten behandeln?

In meiner Praxis führe ich regelmäßig Gespräche über Prävention. Zum Beispiel über die Frage, ob erhöhte Cholesterinwerte bereits behandelt werden sollten – obwohl noch keine Gefäßschäden nachweisbar sind.

Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich.

Warum sollte man einem Menschen Medikamente geben, der noch gesund ist?

Was Prävention eigentlich bedeutet

Prävention bedeutet, krankmachende Entwicklungen möglichst früh zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern.

In der Medizin geschieht das häufiger, als man zunächst denkt.

Wir behandeln erhöhten Blutdruck oft schon früh – manchmal auch bei sehr jungen Menschen –, um spätere Schäden an Herz, Gehirn und Gefäßen zu vermeiden.

Auch erhöhte Blutzuckerwerte werden medikamentös behandelt, lange bevor Beschwerden auftreten. Ziel ist es, Folgeerkrankungen an Augen, Nerven oder Nieren zu verhindern.

Medizinische Prävention bedeutet daher nicht abzuwarten, bis Krankheit sichtbar wird. Sie versucht, Entwicklungen zu verhindern, die später krank machen könnten.

Gefäßerkrankungen entstehen über viele Jahre

Beim Thema Cholesterin wird dieser präventive Gedanke besonders deutlich.

Gefäßerkrankungen entstehen nicht plötzlich, sondern über viele Jahre. Entscheidend ist die Lebenszeitexposition gegenüber atherogenen (gefäßschädigenden) Lipoproteinen im Blut.

Je länger solche Lipoproteine auf die Gefäßwand einwirken, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Laufe der Zeit eine entwickelt.

Deshalb kann es sinnvoll sein, über eine Behandlung nachzudenken – selbst dann, wenn im Ultraschall der Halsschlagadern noch keine Plaques sichtbar sind.

Wann sollte man Cholesterin frühzeitig behandeln?

Diese Frage lässt sich nicht allein anhand eines einzelnen Laborwertes beantworten. Bei der Einschätzung des individuellen Gefäßrisikos spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Neben dem LDL-Cholesterin sollten auch Lipoprotein(a) und Apolipoprotein B berücksichtigt werden, da sie zusätzliche Informationen über das tatsächliche Risiko für Gefäßschäden liefern.

Wie sich diese Werte im Detail einordnen lassen und welche Rolle LDL, ApoB und Lp(a) im Gefäßstoffwechsel spielen, habe ich in einem eigenen Beitrag ausführlicher beschrieben.

Statistik beschreibt Wahrscheinlichkeiten

Ein zentraler Punkt wird dabei häufig übersehen:

Medizinische Studien beschreiben immer Wahrscheinlichkeiten für Gruppen, nicht die sichere Zukunft eines einzelnen Menschen. Auch bei deutlich erhöhten Risikowerten erleidet nicht jeder Mensch einen Herzinfarkt. Und umgekehrt können auch Menschen mit scheinbar günstigen Werten erkranken. Die Aufgabe der Medizin besteht deshalb darin, aus statistischen Zusammenhängen eine möglichst sinnvolle Entscheidung für den einzelnen Menschen abzuleiten.

Risiko und Nutzen müssen immer abgewogen werden

Ein zentraler Grundsatz der Medizin bleibt dabei unverändert:

Jede Behandlung erfordert eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung. Nicht jeder leicht erhöhte Cholesterinwert erfordert automatisch eine medikamentöse Therapie. Wenn sich aus der Gesamtsituation jedoch ein deutlich erhöhtes Gefäßrisiko ergibt und die Daten zeigen, dass eine Behandlung Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindern kann, ist es durchaus sinnvoll, eine frühzeitige Therapie zu erwägen.

Prävention bedeutet handeln, bevor Schaden entsteht

Der Einwand lautet dann oft:

„Aber der Mensch ist doch noch gesund.“ Genau darin liegt der Kern der Prävention. Nicht zu warten, bis erste Schäden sichtbar werden – sondern Entwicklungen zu verhindern, die später krank machen könnten.

Am Ende bleibt es, wie so oft in der Medizin, eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten getroffen wird – auf Grundlage des gesamten Risikoprofils.



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