Blutdruck – zwei Zahlen, viele Missverständnisse

Kaum ein medizinischer Wert beschäftigt die Menschen so sehr wie der Blutdruck. Viele messen ihn regelmäßig, manche sogar mehrmals täglich. Die Geräte liefern Zahlen, speichern Messwerte und zeigen mitunter sogar an, ob alles im grünen Bereich liegt.

Und trotzdem entstehen gerade beim Blutdruck erstaunlich viele Fragen.

Warum haben wir eigentlich zwei Blutdruckwerte? Weshalb ist der zweite Wert bei älteren Menschen häufig besonders niedrig? Warum misst der Arzt manchmal deutlich höhere Werte als der Patient zu Hause? Und kann man seinen Blutdruck eigentlich auch zu oft messen?

Es sind Fragen, die sich viele Menschen stellen und auf die es nicht immer eine einfache Antwort gibt.

Vier davon verdienen eine genauere Betrachtung. Denn hinter den scheinbar einfachen Zahlen verbergen sich interessante medizinische Zusammenhänge.

1. Kann man seinen Blutdruck eigentlich zu oft messen?

Blutdruckmessen ist einfach geworden. Ein Knopfdruck genügt, und wenige Sekunden später erscheinen zwei Zahlen auf dem Display. Doch was passiert, wenn der erste Wert etwas zu hoch ausfällt?

Man misst noch einmal. Und vielleicht ein drittes Mal. Ist der Wert inzwischen niedriger, stellt sich die Frage, welcher nun der richtige war. Ist er höher, wächst möglicherweise die Unruhe.

Dabei ist der Blutdruck keine feste Größe. Er verändert sich ständig, abhängig von körperlicher Aktivität, Aufregung, Stress und vielen anderen Einflüssen. Selbst bei mehreren Messungen unmittelbar hintereinander können unterschiedliche Werte entstehen.

Hinzu kommt ein interessanter Zusammenhang: Wer sich wegen eines erhöhten Blutdruckwertes Sorgen macht, kann dadurch seinen Blutdruck zusätzlich steigern. Die Messung beeinflusst dann unter Umständen genau das, was sie eigentlich erfassen soll.

Heißt das, man sollte möglichst selten messen? Keineswegs.

Regelmäßige Blutdruckmessungen zu Hause sind ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik und Behandlung eines Bluthochdrucks. Entscheidend ist allerdings, dass sie nach einem festen Schema erfolgen, unter möglichst vergleichbaren Bedingungen, nach einigen Minuten Ruhe und nicht ständig zwischendurch.

Dabei wird häufig übersehen, dass eine regelmäßige Blutdruckkontrolle nicht zwangsläufig eine tägliche Messung bedeutet.

Ist ein Bluthochdruck gut eingestellt und sind die Werte über längere Zeit stabil, reichen häufig gelegentliche Kontrollen aus. Wie oft gemessen werden sollte, hängt von der individuellen Situation ab. Nach einer Medikamentenumstellung oder bei auffälligen Werten sind engmaschigere Messungen sinnvoll. Bei dauerhaft stabilen Verhältnissen dagegen bringt die tägliche Kontrolle oft keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

Problematisch wird es, wenn aus der sinnvollen Kontrolle eine ständige Selbstbeobachtung entsteht. Dann liefert das Messgerät möglicherweise immer mehr Zahlen, aber nicht unbedingt mehr Sicherheit.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie oft man seinen Blutdruck messen kann, sondern wie oft eine Messung tatsächlich sinnvoll ist.

2. 120 zu 80 – warum hat der Blutdruck eigentlich zwei Werte?

120 zu 80. Kaum eine Zahlenkombination ist in der Medizin so bekannt. Doch warum besteht der Blutdruck eigentlich aus zwei Werten?

Die Antwort liegt in der Arbeitsweise unseres Herzens.

Das Herz pumpt das Blut nicht gleichmäßig durch den Körper, sondern in einzelnen Schlägen. Bei jedem Herzschlag zieht sich die linke Herzkammer zusammen und presst Blut in die Hauptschlagader, die Aorta. Dabei steigt der Druck in den Arterien an. Diesen höchsten Druck nennen wir den systolischen Blutdruck – die erste Zahl.

Anschließend entspannt sich das Herz und füllt sich erneut mit Blut. Der Druck in den Arterien fällt wieder ab, allerdings nicht auf null.

Denn die elastischen Wände der großen Arterien haben während des Herzschlags einen Teil der Energie aufgenommen und geben diese nun wieder ab. Dadurch fließt das Blut auch zwischen den Herzschlägen weiter.

Der niedrigste Druck in dieser Phase ist der diastolische Blutdruck – die zweite Zahl.

Die beiden Werte beschreiben also unterschiedliche Phasen unseres Kreislaufs. Dabei müssen der obere und der untere Blutdruckwert nicht immer im gleichen Maße steigen oder fallen.

Besonders deutlich wird das mit zunehmendem Lebensalter.

3. Warum ist bei Oma der zweite Blutdruckwert manchmal so niedrig?

Ein Blutdruck von 160 zu 50. Der obere Wert ist deutlich erhöht, der untere erstaunlich niedrig.

Gerade bei älteren Menschen begegnet uns diese Kombination häufiger. Aber wie kann es sein, dass der eine Wert steigt, während der andere sinkt?

Die Antwort liegt zu einem wesentlichen Teil in der Elastizität unserer großen Arterien.

Die großen Arterien, insbesondere die Aorta, sind in jungen Jahren ausgesprochen elastisch. Wenn das Herz Blut auswirft, dehnt sich die Aorta aus und nimmt einen Teil des Druckstoßes auf. Zwischen den Herzschlägen zieht sie sich wieder zusammen und gibt die gespeicherte Energie ab.

Dadurch bleibt der Blutfluss auch dann erhalten, wenn das Herz gerade nicht pumpt.

Dieses Prinzip nennt man die Windkesselfunktion der Aorta.

Mit zunehmendem Lebensalter verlieren die großen Arterien jedoch an Elastizität. Die Gefäßwände werden steifer und können den Druckstoß des Herzens immer weniger abfedern.

Die Folge: Während des Herzschlags steigt der systolische Blutdruck stärker an. Gleichzeitig lässt die Fähigkeit der Arterien nach, den Druck zwischen den Herzschlägen aufrechtzuerhalten. Der diastolische Wert (2. Wert) kann deshalb absinken.

So entsteht die typische Konstellation eines hohen oberen und eines niedrigen unteren Blutdruckwertes. Die Differenz zwischen beiden Werten wird als Blutdruckamplitude bezeichnet.

Ein Blutdruck von 160 zu 50 bedeutet also nicht, dass das Herz besonders kräftig arbeitet. Vielmehr kann die große Differenz ein Hinweis darauf sein, dass die Arterien ihre Elastizität verloren haben.

Allerdings sollte man einen solchen Befund nicht einfach als normale Alterserscheinung abtun. Ein deutlich erhöhter systolischer Blutdruck bleibt auch im höheren Lebensalter ein wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor.

Eine ungewöhnlich große Blutdruckamplitude kann gelegentlich auch andere Ursachen haben, beispielsweise eine Undichtigkeit der Aortenklappe.

Oma hat also nicht unbedingt zwei widersprüchliche Blutdruckwerte, beide Zahlen erzählen vielmehr etwas über den Zustand ihres Gefäßsystems.

4. Beim Arzt 160, zu Hause 130 – welcher Wert stimmt denn nun?

Ein bekanntes Phänomen: Zu Hause liegt der Blutdruck bei 130 zu 80, in der Arztpraxis plötzlich bei 160 zu 90.

Ist das Messgerät ungenau? Oder steigt der Blutdruck tatsächlich so stark an?

Beides ist möglich. Häufig steckt allerdings der sogenannte Weißkitteleffekt dahinter.

Schon die ungewohnte Umgebung einer Arztpraxis, die Erwartung einer Untersuchung oder eine gewisse innere Anspannung können den Blutdruck vorübergehend deutlich erhöhen. Das muss nicht einmal bewusst als Aufregung empfunden werden.

Das vegetative Nervensystem beeinflusst Herzleistung und Gefäßspannung, sodass die gemessenen Werte ansteigen können.

Welcher Wert ist nun der richtige?

Zunächst einmal können beide Messungen korrekt sein. Sie zeigen lediglich den Blutdruck unter unterschiedlichen Bedingungen.

Für die Beurteilung eines möglichen Bluthochdrucks sind deshalb Messungen außerhalb der Arztpraxis besonders wichtig. Eine strukturierte häusliche Blutdruckmessung oder eine 24-Stunden-Blutdruckmessung kann zeigen, wie hoch der Blutdruck im gewohnten Alltag tatsächlich ist.

Dabei gibt es übrigens auch das umgekehrte Phänomen: Manche Menschen haben in der Arztpraxis normale Blutdruckwerte, während sie zu Hause oder während ihrer täglichen Aktivitäten erhöhte Werte aufweisen. Man spricht dann von einer maskierten Hypertonie.

Entscheidend ist deshalb nicht, welcher einzelne Messwert recht hat, sondern welches Blutdruckniveau über längere Zeit tatsächlich besteht.

Ein einzelner Blutdruckwert ist eine Momentaufnahme. Erst mehrere Messungen unter geeigneten Bedingungen ergeben ein verlässlicheres Bild.

Fazit: Zwei Zahlen sind noch keine Diagnose

Blutdruckwerte wirken auf den ersten Blick eindeutig. Zwei Zahlen, ein Messgerät, ein Ergebnis.

Doch erst die Umstände der Messung, das Zusammenspiel beider Werte und ihre Veränderung über längere Zeit ermöglichen eine sinnvolle medizinische Einordnung.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Erkenntnis: Nicht jede auffällige Zahl ist gleich ein Grund zur Sorge.

Entscheidend ist, die Zahlen richtig einzuordnen – statt ihnen ständig hinterherzumessen.

Weiter
Weiter

Bluthochdruck – wann Werte wirklich relevant werden