Wenn Wassertrinken ein Biohack ist, dann war Oma eine Longevity-Pionierin
Es gibt Zeiten, da scheint Gesundheit vor allem eines zu sein: laut.
Biohacks, Routinen, Wearables, Supplements, Atemtechniken, Kälte, Hitze, Licht, Dunkelheit – und am besten alles gleichzeitig. Wer gesund sein will, braucht offenbar vor allem Zeit, Disziplin und eine gewisse Leidensfähigkeit gegenüber Podcasts.
Dabei lohnt sich manchmal ein Blick zurück. Nicht nostalgisch, sondern nüchtern.
Wenn Wassertrinken heute als Biohack gilt, dann war Oma ihrer Zeit weit voraus.
Sie hatte keine App, keinen Tracker und keine Morgenroutine. Aber sie hatte ein Glas Wasser auf dem Küchentisch. Und sie hat es benutzt. Regelmäßig. Ohne es zu posten.
Früher hat man die Dinge noch beim Namen genannt.
Heute werden sie gern neu verpackt. Wassertrinken heißt dann „Hydration Strategy“, Spazierengehen wird zum „Longevity Walk“ und früh schlafen zum „Schlafhygiene-Protokoll“. Der Effekt ist derselbe – nur die Sprache ist komplizierter geworden.
Wasser trinken ist kein Geheimwissen. Es ist banal. Und genau das macht es so unattraktiv in einer Zeit, die Komplexität liebt. Dabei ist der Effekt erstaunlich unspektakulär wirksam: Konzentration, Kreislauf, Verdauung, Leistungsfähigkeit – alles profitiert davon, dass der Körper schlicht bekommt, was er braucht.
Oma hätte dazu vermutlich gesagt: „Man muss halt trinken.“
Und wäre dann weitergegangen.
Natürlich kann man jetzt die sogenannten Blue Zones bemühen. Regionen, in denen Menschen besonders alt werden, viel gehen, einfach essen, soziale Kontakte pflegen und – wenig überraschend – regelmäßig trinken. Man kann das analysieren, visualisieren und mit englischen Begriffen versehen. Am Ende bleibt trotzdem etwas Ernüchterndes zurück: Es sind keine Tricks. Es sind Gewohnheiten.
Gesundheit entsteht selten durch Optimierung.
Sie entsteht durch Wiederholung.
Das gilt nicht nur fürs Trinken. Bewegung, Schlaf, Ernährung, soziale Einbindung, Stressregulation – die großen Einflussfaktoren sind seit Jahrzehnten bekannt. Sie sind gut untersucht, solide belegt und bemerkenswert unsexy. Und genau deshalb werden sie immer wieder von der nächsten vermeintlichen Abkürzung verdrängt.
Jede neue wissenschaftliche Erkenntnis ist ein Gewinn. Ohne Frage.
Aber sie ersetzt nicht das Fundament. Kein Biohack der Welt kompensiert dauerhaft Schlafmangel. Kein Supplement gleicht Bewegungsmangel aus. Und kein noch so cleverer Trend macht aus chronischem Stress einen gesunden Zustand.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie unserer Zeit:
Wir wissen so viel über Gesundheit wie nie zuvor – und sind gleichzeitig verunsicherter denn je.
Und während immer neue Konzepte, Hacks und Empfehlungen diskutiert werden, gibt es in den Arztpraxen immer weniger Termine.
Die Gründe dafür sind seit Jahrzehnten bekannt. Und sie sind bis heute dieselben geblieben.
Oma war da entspannter. Sie hat gegessen, wenn sie Hunger hatte. Geschlafen, wenn sie müde war. Getrunken, bevor jemand sie daran erinnern musste. Und sie hätte den Begriff „Longevity“ vermutlich für eine neue Küchengerätemarke gehalten.
Ein Haus wird nicht durch seine Bilder stabil, sondern durch sein Fundament. Für die Gesundheit gilt dasselbe.
Dr. med. Stefan Rupp
Hausarzt in Freiburg-Littenweiler
Allgemeinmedizin, Prävention & Ernährungsmedizin