Nicht-gut-Sätze
Was Sie besser nicht zu Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin sagen sollten – und warum
Manche Formulierungen im Arztgespräch sind vielleicht gut gemeint, führen aber zu Missverständnissen oder sogar Missempfindungen. Und weil Ärztinnen und Ärzte eben auch nur Menschen sind, kann das die Stimmung im Gespräch schnell trüben – manchmal sogar mit Folgen für das gegenseitige Verständnis.
Werfen wir also mit einem Augenzwinkern einen Blick auf typische Sätze von Patientinnen und Patienten und sehen uns an, wie man sie besser formulieren könnte. Mein Ziel ist es, Sie nicht nur zu unterhalten, sondern Ihnen auch praktische Tipps für einen gelungenen Gesprächseinstieg zu geben. So kann Ihr Arzt oder Ihre Ärztin Ihr Anliegen besser verstehen und gezielt auf Ihre Bedürfnisse eingehen.
Dafür habe ich einige Sätze aus meinem Praxisalltag für Sie aufgeschrieben. Ich nenne sie mal die „Nicht-gut-Sätze“.
Nicht-gut-Satz Nr. 1
„Ich habe schon mal gegoogelt …“ – kein idealer Gesprächsstart
Wenn Sie sagen „Ich habe schon mal gegoogelt“, wirkt es schnell so, als könnten Sie nicht unvorbereitet in das Gespräch gehen. Damit vermitteln Sie der Ärztin oder dem Arzt das Gefühl, dass Sie ihm nicht ganz vertrauen. Das kann ungewollt eine Abwehrhaltung auslösen, noch bevor das eigentliche Gespräch begonnen hat. Googeln ist keine wissenschaftliche Tätigkeit oder echte Recherche. Man findet das, was man sucht – und nicht unbedingt das, was richtig ist. Viele Ergebnisse sind unbrauchbar, ersetzen kein Arztgespräch und bereichern es selten.
Besser: Sagen Sie: „Ich habe gelesen, dass … – wie sehen Sie das?“ So starten wir auf Augenhöhe und klären gemeinsam, was relevant ist – und was nicht.
Nicht-gut-Satz Nr. 2
„Ich hätte gerne mal ein Blutbild, aber ein Großes.“ – All-you-can-measure
Regelmäßig stellen sich Patientinnen und Patienten mit dem Wunsch vor, doch mal ein großes Blutbild machen zu lassen. Auf meine Frage hin, was das eigentlich sei – ein großes Blutbild –, konnte bisher niemand wirklich antworten. Aber alle wollen es. Das GROSSE. Der Unterschied zum kleinen Blutbild besteht lediglich darin, dass die weißen Blutkörperchen genauer differenziert werden – sinnvoll nur bei speziellen Erkrankungen. Blutuntersuchungen ohne klare Fragestellung werden insgesamt überschätzt, fast so, als sei das Blutbild eine Art Orakel. Das ist es nicht. An Krebs erkrankte oder sogar sterbende Menschen haben oft völlig normale Werte – weil Laborwerte eben nicht automatisch die ganze Wahrheit erzählen.
Umso wichtiger ist die Anamnese, also das Gespräch: je genauer die Fragestellung, desto aussagekräftiger das Ergebnis. Anlasslose Untersuchungen bei gesunden Menschen, die nur der allgemeinen Beruhigung dienen sollen, sind meist nutzlos.
Besser: Fragen Sie, ob bei Ihren Beschwerden eine Blutentnahme sinnvoll sein könnte. So kommen wir schneller zu einer Antwort, die Ihnen wirklich weiterhilft.
Nicht-gut-Satz Nr. 3
„Ich wollte nur mal kurz abchecken lassen …“ – Medizin ist kein Drive-in
Ganz unter uns: Viele meiner Kolleginnen und Kollegen reagieren ähnlich wie ich, wenn sie diesen Satz hören. Wir mögen ihn nicht! Ich praktiziere seit fast 30 Jahren, ich untersuche, ich berate, ich stelle Diagnosen – und manchmal begleite ich Menschen beim Sterben.
Aber: Ich „checke“ nicht einfach irgendetwas ab, nichts und niemanden. „Abchecken“ klingt beiläufig und wertet die ärztliche Arbeit ungewollt ab. Es banalisiert die Expertise, vermittelt, dass die Beschwerden „eigentlich nichts Wichtiges“ seien, und stellt die Untersuchung als kurzen Service dar, der nebenbei erledigt wird. In Wahrheit erfordert selbst ein vermeintlich banaler, simpler Check volle Aufmerksamkeit und muss schriftlich dokumentiert werden. Dies wiederum bedeutet Mehrarbeit.
Besser: Formulieren Sie klar, was Sie bewegt oder beunruhigt. Dann kann Ihre Ärztin oder Ihr Arzt gezielt überlegen, welche Schritte sinnvoll sind – und Sie aktiv einbeziehen.
Nicht-gut-Satz Nr. 4
Ein Bekannter hat mir geraten …“ – nett gemeint, aber nicht immer passend
Ratschläge von Freunden oder Familie sind gut gemeint. Oft sind sie verbunden mit: „Darauf müssen Sie unbedingt achten“ oder „Diese Untersuchung sollten Sie machen lassen“. Für Ärztinnen und Ärzte klingt das jedoch wie eine Handlungsanweisung – noch bevor das eigentliche Gespräch begonnen hat. Häufig passen solche Tipps auch gar nicht zur individuellen Situation.
Besser: Erzählen Sie ruhig, was Sie gehört haben, aber fragen Sie: „Ist das für mich geeignet?“ So kann Ihre Ärztin oder Ihr Arzt den Tipp einordnen und an Ihre Situation anpassen – ohne dass ein Ratschlag von außen das Gespräch dominiert.
Nicht-gut-Satz Nr. 5
„Ich will einfach nur gesund werden – schnell!“ - ein Wunsch, der Druck erzeugt
Ganz ehrlich: Wer wünscht sich das nicht? Ich verstehe das absolut. Aber dieser Satz ist ein typischer Stolperstein im Arztgespräch. Denn damit überträgt man das eigene Gesundwerden komplett auf die Ärztin oder den Arzt – quasi, als ob die Gesundheit von ihr oder ihm „gemacht“ werden könnte. Es wird sofortiger Erfolg erwartet, auch wenn Diagnostik oder Therapie Zeit brauchen. Die eigene Gesundheit wird an den Arzt delegiert, und wenn es länger dauert, kann schnell der Eindruck entstehen: Der Arzt oder die Ärztin ist schuld oder nicht gut genug. Gesundheit spielt sich aber immer im eigenen Körper ab.
Besser: „Ich möchte aktiv etwas für meine Gesundheit tun. Was kann ich selbst beitragen und was empfehlen Sie mir?“ Das zeigt Eigenverantwortung, öffnet die Tür für konkrete Empfehlungen und macht aus dem Wunsch nach schneller Heilung einen echten Dialog auf Augenhöhe.
Nicht-gut-Satz Nr. 6
„Ich habe schon so viele Ärzte gesehen, keiner konnte helfen …“ – ein echter Stimmungskiller
Das ist eine ganz schlechte Gesprächseröffnung, denn damit wird die Stimmung gleich ein wenig gedrückt. Natürlich kann ich den Frust absolut nachvollziehen; wer schon mehrere Arztbesuche hinter sich hat, fühlt sich irgendwann wie im Karussell. Aber dieser Satz legt einen grauen Schatten auf das Gespräch, noch bevor es überhaupt richtig begonnen hat.
Der Arzt oder die Ärztin fühlt sich unter Druck gesetzt, da es so klingt, als seien alle Kolleginnen und Kollegen bisher gescheitert und als sei es Ihr Wunsch, diesen Misserfolg zu betonen. So geht die Chance verloren, dass Ihr Anliegen wirklich neu gesehen wird. Die früheren Enttäuschungen legen sofort den Grundton fest.
Besser:
Statt die Enttäuschung gleich als „Paket“ auf den Tisch zu legen, ist es hilfreicher, das bisher Erlebte sachlich einzubringen und gleichzeitig die Tür für Neues offen zu lassen.
Wenn Sie sagen: „Ich habe schon einiges ausprobiert, leider bisher ohne den gewünschten Erfolg“, vermitteln Sie Aufgeschlossenheit. Sie haben Erfahrung gesammelt, hatten Rückschläge, aber Sie bleiben offen für eine unvoreingenommene Zusammenarbeit. Und genau diese Offenheit ist die Grundlage für ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch.
Fazit
Ein gutes Arztgespräch lebt von Klarheit, Respekt und gegenseitigem Vertrauen. Manche Sätze klingen harmlos, stellen die ärztliche Arbeit aber unbeabsichtigt in ein falsches Licht – oder machen sie kleiner, als sie ist. Wenn Sie stattdessen klar formulieren, was Sie beschäftigt, was Sie gelesen oder gehört haben und worüber Sie unsicher sind, entsteht ein Dialog auf Augenhöhe.
So wird aus einem kurzen Arztbesuch ein echtes Gespräch, das weiterbringt – für beide Seiten.