Testosteronmangel beim Mann – was steckt wirklich dahinter?
Testosteronmangel beim Mann – was steckt wirklich dahinter?
In den letzten Jahren wird über Testosteron deutlich häufiger gesprochen.
In Fitnessstudios, in sozialen Medien und auch in medizinischen Diskussionen taucht das Thema immer wieder auf.
Dabei entsteht manchmal der Eindruck, niedrige Testosteronwerte seien ein weit verbreitetes Problem – oder ließen sich mit einer einfachen Hormontherapie lösen.
Die Realität ist etwas nüchterner. Testosteronmangel kommt vor, ist jedoch deutlich seltener, als häufig angenommen wird.
Zudem erfordert die Diagnose eine sorgfältige medizinische Einordnung.
Wie häufig ist ein Testosteronmangel?
Mit zunehmendem Alter sinkt der Testosteronspiegel beim Mann langsam ab. Ab etwa dem 45. Lebensjahr lassen sich bei manchen Männern niedrigere Werte messen. Dennoch entwickelt nur ein Teil tatsächlich einen klinisch relevanten Testosteronmangel.
Bei Männern über 70 Jahren findet man in Studien etwa bei 5–10 Prozent erniedrigte Testosteronspiegel.
Bestimmte Vorerkrankungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Testosteronmangels deutlich.
Dazu gehören vor allem Adipositas, Typ-2-Diabetes und chronische Niereninsuffizienz.
Testosteronmangel tritt deshalb häufig im Zusammenhang mit dem metabolischen Syndrom auf.
Darunter versteht man eine Kombination aus Übergewicht, insbesondere Bauchfett, erhöhtem Blutzucker, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck.
Der Begriff „männliche Wechseljahre“
Im Zusammenhang mit Testosteronmangel wird häufig von „männlichen Wechseljahren“ gesprochen.
Dieser Begriff ist allerdings irreführend.
Während bei Frauen in den Wechseljahren die Hormonproduktion relativ abrupt abnimmt, verläuft die hormonelle Veränderung beim Mann langsam und individuell sehr unterschiedlich. Viele Männer haben auch im höheren Alter weiterhin normale Testosteronwerte.
Welche Symptome können auftreten?
Die möglichen Beschwerden eines Testosteronmangels sind unspezifisch.
Dazu gehören beispielsweise Erschöpfung, Libidoverlust, depressive Verstimmung, Antriebslosigkeit und Angstzustände. Auch Osteoporose und Blutarmut können mit einem Testosteronmangel in Zusammenhang stehen.
Viele dieser Symptome treten jedoch auch bei anderen Erkrankungen auf, etwa bei Depressionen, chronischen Erschöpfungszuständen oder verschiedenen internistischen Erkrankungen. Aus den Beschwerden allein lässt sich deshalb kein Testosteronmangel ableiten.
Hinzu kommt, dass der Testosteronspiegel natürlichen Schwankungen unterliegt. Er folgt einer zirkadianen Rhythmik und ist in den Morgenstunden am höchsten. Auch Faktoren wie Schlafmangel, Stress, akute Erkrankungen oder bestimmte Medikamente können den Wert vorübergehend beeinflussen.
Aus diesem Grund empfehlen die Leitlinien, den Testosteronspiegel mindestens zweimal zu bestimmen, in der Regel im Abstand von ein bis zwei Wochen. Die Blutentnahme sollte möglichst morgens und nüchtern erfolgen.
Erst wenn wiederholt erniedrigte Testosteronwerte vorliegen und gleichzeitig typische Beschwerden bestehen, spricht man von einem behandlungsbedürftigen Testosteronmangel.
Welche Laborwerte spielen eine Rolle?
Für die Beurteilung ist zunächst das Gesamttestosteron entscheidend. Bei grenzwertigen Befunden kann zusätzlich das SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin) bestimmt werden. Dieses Transportprotein bindet einen großen Teil des Testosterons im Blut und beeinflusst damit, wie ein gemessener Testosteronwert zu beurteilen ist.
In bestimmten Fällen kann zusätzlich das freie Testosteron berücksichtigt werden. Entscheidend ist jedoch auch hier nicht ein einzelner Laborwert, sondern die gemeinsame Beurteilung von Beschwerden und wiederholt gemessenen Hormonwerten.
Warum Übergewicht eine wichtige Rolle spielt
Ein besonders enger Zusammenhang besteht zwischen Testosteronmangel und Übergewicht.
Vor allem abdominelles Bauchfett beeinflusst den Hormonstoffwechsel und kann die Testosteronproduktion senken.
Männer mit Adipositas, Prädiabetes und Typ-2-Diabetes haben deshalb ein erhöhtes Risiko für erniedrigte Testosteronwerte.
Dabei handelt es sich häufig um einen funktionellen Testosteronmangel. Das bedeutet, dass die Hormonproduktion nicht dauerhaft gestört sein muss. In manchen Fällen können sich die Testosteronwerte bereits durch Gewichtsreduktion, körperliche Aktivität und eine Verbesserung des Stoffwechsels wieder normalisieren.
Individuelle Schwankungen der Testosteronwerte
Testosteronwerte unterscheiden sich von Mensch zu Mensch erheblich. Zwischen einzelnen Männern können deutliche Unterschiede bestehen, ohne dass eine Erkrankung vorliegt.
Zusätzlich unterliegt der Testosteronspiegel natürlichen Schwankungen im Tagesverlauf und wird durch verschiedene Faktoren wie Schlaf, Stress, Körpergewicht oder akute Erkrankungen beeinflusst.
Aus diesem Grund ist der Referenzbereich für Testosteron relativ breit definiert.
Ein Laborwert muss daher immer im Zusammenhang mit Beschwerden, wiederholten Messungen und weiteren Laborparametern beurteilt werden.
Wann kommt eine Therapie in Frage?
Eine Testosterontherapie kommt in Betracht, wenn wiederholt erniedrigte Testosteronwerte nachgewiesen wurden und gleichzeitig entsprechende Beschwerden bestehen.
Für die Behandlung stehen unterschiedliche Formen zur Verfügung. Testosteron kann als intramuskuläres Depotpräparat oder transdermal, beispielsweise als Gel, angewendet werden. Der Vorteil der transdermalen Therapie liegt darin, dass sie täglich angewendet wird und sich bei Nebenwirkungen leichter anpassen oder beenden lässt.
Nutzen der Therapie
Auch Männer mit Adipositas, Typ-2-Diabetes oder metabolischem Syndrom können von einer Testosterontherapie profitieren, sofern gleichzeitig ein klinisch relevanter Testosteronmangel nachgewiesen wurde.
Studien zeigen, dass sich unter einer solchen Behandlung verschiedene Stoffwechselparameter verbessern können. Dazu gehören unter anderem eine günstigere Körperzusammensetzung, eine Abnahme des viszeralen Fettgewebes sowie eine Verbesserung der Insulinsensitivität.
Darüber hinaus sprechen neuere Daten dafür, dass eine fachgerecht durchgeführte Testosterontherapie bei Männern mit nachgewiesenem Testosteronmangel das kardiovaskuläre Risiko nicht grundsätzlich erhöht. Ob sie darüber hinaus Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern kann, ist bislang nicht ausreichend geklärt.
Wichtig ist dabei, dass diese Effekte vor allem bei Männern mit tatsächlich nachgewiesenem Testosteronmangel beobachtet wurden. Eine Testosterontherapie ohne entsprechenden Hormonmangel ist medizinisch nicht sinnvoll und wird auch nicht empfohlen.
Sicherheit der Behandlung
Lange Zeit bestand die Sorge, dass eine Testosterontherapie das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Prostatakrebs erhöhen könnte. In großen Studien hat sich dafür bislang kein eindeutiger Hinweis ergeben.
Ein häufig missverstandener Effekt betrifft den PSA-Wert. Unter Testosteronmangel kann dieser Wert eher niedrig sein. Beginnt eine Testosterontherapie, steigt der PSA-Wert manchmal wieder an. Dieser Anstieg wurde früher gelegentlich fälschlich als Hinweis auf ein erhöhtes Prostatakrebsrisiko interpretiert.
Dennoch gilt: Vor Beginn einer Therapie sollten Patienten sorgfältig untersucht werden, um mögliche Kontraindikationen auszuschließen.
Fazit
Testosteronmangel ist ein reales medizinisches Problem, kommt jedoch deutlich seltener vor, als häufig angenommen wird. Für die Diagnose sind wiederholt erniedrigte Testosteronwerte und gleichzeitig typische klinische Beschwerden entscheidend.
Wie jede wirksame medizinische Therapie sollte auch eine Testosterontherapie nur nach klarer Diagnosestellung erfolgen.
Vor Beginn einer Behandlung ist zudem eine sorgfältige medizinische Untersuchung erforderlich, insbesondere zur Beurteilung des Prostatakrebsrisikos sowie möglicher anderer Kontraindikationen.
Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann eine Testosterontherapie für ausgewählte Patienten eine sinnvolle Behandlung sein. Wie so oft in der Medizin gilt jedoch auch hier: Entscheidend ist nicht allein ein Laborwert, sondern die individuelle ärztliche Bewertung der gesamten klinischen Situation.
Autor: Dr. med. S. Rupp