Wo kommen all die nierenkranken jungen Männer her?
Kreatinin erhöht durch Kreatin? Was der Laborwert wirklich bedeutet
Ein erhöhter Kreatinin-Wert im Blut kann auf eine Nierenerkrankung hinweisen – muss es aber nicht. Gerade bei sportlichen Menschen steckt häufig etwas anderes dahinter: die Einnahme von Kreatin.
In der Praxis wirkt das manchmal wie ein kleines medizinisches Paradox. Plötzlich sitzen junge, fitte Patienten vor mir, komplett beschwerdefrei – und im Laborbericht steht in Rot: Kreatinin erhöht.
Die erste gedankliche Abzweigung geht dann oft Richtung Niere. Die zweite sollte eigentlich eine andere sein.
Was Kreatin im Körper macht
Kreatin ist eine Substanz, die der Körper selbst herstellt und zusätzlich über die Nahrung aufnimmt – vor allem über Fleisch und Fisch.
In der Muskulatur spielt Kreatin eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel. Es hilft dabei, kurzfristig schnell Energie bereitzustellen – etwa bei intensiven Belastungen wie Krafttraining oder Sprints. Mehr zu Sport und Muskeltraining habe ich in einem gesonderten Beitrag beschrieben.
Ein Teil dieses Kreatins wird kontinuierlich zu Kreatinin abgebaut. Und genau dieses Kreatinin messen wir im Blut.
Warum viele Menschen Kreatin einnehmen
Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmitteln im Sportbereich.
Es wird eingesetzt, um:
die Leistungsfähigkeit bei intensiven Belastungen zu verbessern
Trainingsreize effektiver zu nutzen
den Muskelaufbau indirekt zu unterstützen
Wichtig ist dabei ein Punkt, der oft unterschätzt wird:
Kreatin wirkt nicht allein.
Ohne entsprechenden Trainingsreiz bleibt der Effekt begrenzt. Wer Kreatin einnimmt, aber die Muskulatur nicht fordert, wird davon wenig profitieren.
Oder etwas nüchterner formuliert: Das Pulver ersetzt kein Training.
Warum Kreatinin im Labor ansteigt
Wenn mehr Kreatin im Körper vorhanden ist – durch Supplementierung –, wird auch mehr Kreatinin gebildet.
Das führt dazu, dass der Kreatinin-Wert im Blut ansteigen kann, ohne dass die Nierenfunktion eingeschränkt ist.
Genau hier entsteht häufig die Verunsicherung.
Ein erhöhter Laborwert wird automatisch als krankhaft interpretiert. Weitere Untersuchungen folgen: Kontrollen, Ultraschall, zusätzliche Diagnostik.
Dabei hätte oft eine einfache Frage genügt: Nehmen Sie Kreatin ein?
Wann ein erhöhter Kreatinin-Wert unbedenklich ist
Wenn:
Kreatin eingenommen wird
keine Beschwerden bestehen
und die eGFR (geschätzte Nierenfunktion) unauffällig ist
handelt es sich häufig um einen biochemischen Nebeneffekt, nicht um eine Erkrankung.
Das bedeutet nicht, dass man den Wert ignorieren sollte. Aber er muss richtig eingeordnet werden.
Wann genauer hingeschaut werden sollte
Ein erhöhter Kreatinin-Wert ist nicht automatisch harmlos.
Wichtig sind immer:
Risikofaktoren (z. B. Bluthochdruck, Diabetes)
Begleitsymptome
der Verlauf der Werte
Medizinische Entscheidungen basieren selten auf einem einzelnen Laborwert – sondern auf dem Gesamtbild.
Ein häufiger Denkfehler rund um Kreatin
Kreatin bewegt sich irgendwo zwischen zwei Extremen:
Die einen erwarten deutliche Leistungssteigerungen ohne großen Aufwand. Die anderen sehen darin ein grundsätzlich problematisches Supplement.
Beides trifft so nicht zu.
Kreatin ist in üblichen Dosierungen gut untersucht und für gesunde Menschen in der Regel unauffällig. Aber es ist kein Wundermittel.
Der entscheidende Faktor bleibt das Training. Und der entscheidende Fehler bleibt oft die falsche Interpretation von Laborwerten.
Was man aus einem erhöhten Kreatinin-Wert lernen kann
Ein Laborwert ist zunächst nur eine Zahl.
Seine Bedeutung entsteht erst im Kontext.
Ein erhöhter Kreatinin-Wert kann ein Hinweis auf eine Nierenerkrankung sein. Er kann aber auch schlicht die Folge eines veränderten Stoffwechsels unter Kreatin-Einnahme sein.
Der Unterschied liegt nicht immer in der nächsten Untersuchung. Sondern manchmal in einer einfachen Frage.
Autor: Dr. med. Stefan Rupp