Warum Sie bei Eisenmangel keine Schrauben essen sollten – eine ärztliche Einordnung
Eisen ist lebensnotwendig.
Und trotzdem gehört es zu den Stoffen, bei denen die medizinische Einordnung oft komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint – sowohl in der Diagnostik als auch in der Behandlung.
Der Titel dieses Beitrags ist bewusst überspitzt. Denn natürlich besteht eine Schraube formal aus Eisen. Für den menschlichen Körper ist sie dennoch völlig nutzlos. Genau hier liegt das Grundproblem beim Thema Eisenmangel: Nicht jedes Eisen ist auch biologisch verfügbar.
Wofür der Körper Eisen braucht
Eisen ist ein zentraler Baustein der Blutbildung. Es wird benötigt, um Hämoglobin herzustellen – den roten Blutfarbstoff, der Sauerstoff von der Lunge in die Organe transportiert.
Darüber hinaus spielt Eisen eine Rolle bei der Muskelarbeit, der Energiegewinnung, der Konzentrationsfähigkeit und im Immunsystem.
Eisen kommt vor allem in tierischen Lebensmitteln vor, etwa in Fleisch und Innereien. Auch pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte oder grünes Gemüse enthalten Eisen. Die Aufnahme ist jedoch nicht ganz unkompliziert. Pflanzliches Eisen wird deutlich schlechter aufgenommen als tierisches.
Wer besonders häufig vom Eisenmangel betroffen ist
Frauen entwickeln Eisenmangel häufig durch den regelmäßigen Eisenverlust im Rahmen der Menstruation.
Bei Männern liegt die Ursache dagegen deutlich seltener im Verlust, sondern meist in einer unzureichenden Eisenaufnahme, zum Beispiel bei strikt veganer Ernährung oder bei eingeschränkter Resorption im Darm.
Besonders problematisch ist die Kombination aus beidem: menstruierende Frauen, die sich vegan ernähren. Hier treffen erhöhter Eisenbedarf und eingeschränkte Aufnahme gleichzeitig aufeinander.
In der Praxis sehe ich dabei nicht selten ausgeprägte und über längere Zeit bestehende Eisenmangelzustände, die unbehandelt zu relevanten und dauerhaft gesundheitsschädigenden Folgen führen können.
Eisenmangel – lange bevor es zur Blutarmut kommt
Ein ausgeprägter Eisenmangel kann zu einer Eisenmangelanämie führen, also zu einer Blutarmut. Der Grund ist einfach: Fehlt Eisen, kann nicht ausreichend Hämoglobin gebildet werden.
Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff in den roten Blutkörperchen. Er ist dafür verantwortlich, Sauerstoff in der Lunge aufzunehmen und im Körper zu den Organen und Muskeln zu transportieren. Sinkt der Hämoglobinwert, steht dem Körper weniger Sauerstoff zur Verfügung. Es kommt zu einem relativen Sauerstoffmangel, der sich unter anderem durch Müdigkeit, Leistungsabfall und schnelle Erschöpfung bemerkbar machen kann.
Wichtig ist jedoch: Die meisten Beschwerden treten lange vor einer ausgeprägten Blutarmut auf.
Häufige Symptome sind Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Leistungsabfall und Haarausfall.
Seltener, aber durchaus relevant, sind Muskel- oder Knochenschmerzen, Schwindel oder ein allgemeines Krankheitsgefühl.
In der Praxis habe ich Eisenmangelanämien gesehen mit Hämoglobinwerten von 6,0 g/dl. Das entspricht einer massiven Reduktion der Sauerstofftransportkapazität des Blutes und sollte idealerweise gar nicht erst erreicht werden.
Eisen zuführen – aber richtig
Bei einem nachgewiesenen Eisenmangel muss Eisen zugeführt werden.
Und damit sind wir wieder bei der Schraube.
Nicht jedes Eisen und nicht jede Eisenverbindung kann vom Körper aufgenommen werden. Formal enthalten viele Stoffe Eisen – biologisch nutzbar ist davon jedoch nur ein Teil. Es ist daher sinnlos, dem Körper Eisen in einer Form zuzuführen, mit der er nichts anfangen kann. Eisenpräparate sollte man nur im Intervall also unregelmäßig zu sich nehmen, bei kontinuierlicher Zufuhr denkt der Körper er hätte genug und reguliert die Aufnahme herunter.
Eisenpräparate sind zudem häufig nicht besonders gut verträglich. Viele Menschen berichten über Bauchgrummeln, Übelkeit oder Verstopfung. Auch pflanzliche Säfte mit einem gewissen Eisenanteil sind erhältlich. Man kann versuchen, damit den Eisenspiegel zu erhöhen – in der Praxis gelingt das jedoch nur selten zuverlässig.
Zur biologischen Verfügbarkeit von Eisen
Entscheidend ist nicht, wie viel Eisen ein Lebensmittel enthält, sondern in welcher chemischen Form es vorliegt. Nur Eisen, das der Körper aufschließen und aufnehmen kann, steht ihm tatsächlich zur Verfügung.
Tierisches Eisen, das sogenannte Häm-Eisen, wird deutlich besser resorbiert als pflanzliches Eisen. Pflanzliches Eisen liegt meist in einer Form vor, die der Körper nur eingeschränkt aufnehmen kann. Zusätzlich wird die Aufnahme häufig durch andere Nahrungsbestandteile weiter gehemmt.
Ein klassisches Beispiel ist Spinat. Er gilt landläufig als besonders eisenreich. Tatsächlich enthält Spinat Eisen, dieses ist jedoch an Oxalsäure gebunden. In dieser chemischen Form ist das Eisen für den menschlichen Körper nur sehr eingeschränkt verfügbar. Der tatsächliche Nutzen für die Eisenversorgung ist daher deutlich geringer, als es der Ruf des Spinats vermuten lässt.
Oder anders gesagt:
Das Eisen in einer Schraube liegt in einer chemischen Form vor, mit der der menschliche Körper schlicht nichts anfangen kann – unabhängig davon, wie viel Eisen sie enthält.
Wie Eisenmangel sinnvoll diagnostiziert wird
In Arztbriefen und Laborbefunden findet sich häufig zunächst das sogenannte freie Eisen im Blut. Dieser Wert ist jedoch nur eine Momentaufnahme und für die Beurteilung eines Eisenmangels wenig geeignet.
Befindet sich der Körper in einer Mangelsituation, versucht er, Eisen aus allen verfügbaren Quellen zu mobilisieren. Bei einer einzelnen Blutabnahme kann das dazu führen, dass scheinbar ausreichend Eisen im Blut vorhanden ist, obwohl die Eisenspeicher bereits deutlich geleert sind.
Für eine sinnvolle Einschätzung des Eisenstatus sind andere Parameter entscheidend: Ferritin und Transferrinsättigung.
Ferritin ist der wichtigste Eisenspeicher des Körpers. Gleichzeitig ist Ferritin jedoch auch ein Entzündungsparameter. Ein erhöhtes Ferritin kann daher nicht nur auf gut gefüllte Eisenspeicher hinweisen, sondern auch Ausdruck einer Entzündung sein.
Deshalb sollte Ferritin immer im Zusammenhang mit einem Entzündungswert interpretiert werden, etwa dem CRP. Ist das CRP normal, lässt sich Ferritin gut als Maß für den Eisenstatus verwenden. Ist das CRP erhöht, ist die Aussagekraft eingeschränkt.
Die Transferrinsättigung beschreibt den Eisen-Transport im Blut. Das Transferrin ist gewissermaßen der Lastwagen, der das Eisen transportiert. Die Sättigung gibt an, wie viel Eisen sich aktuell auf diesen Transportern befindet.
Mit der Kombination aus Ferritin und Transferrinsättigung lässt sich der Eisenstatus in den meisten Fällen zuverlässig beurteilen.
Erst den Mangel ausgleichen – dann weiter diagnostizieren
Die Symptome eines Eisenmangels sind vielfältig. Müdigkeit, Leistungsabfall und Haarausfall sind häufig, doch auch unspezifische Beschwerden wie Schmerzen, Schwindel oder allgemeines Unwohlsein können auftreten.
Gerade wegen dieser Vielgestaltigkeit gilt aus meiner Sicht ein klarer Grundsatz:
Zeigt sich bei einer unklaren Symptomatik ein Eisenmangel, sollte dieser zuerst ausgeglichen werden, bevor weitere Diagnostik erfolgt.
In der Praxis erlebe ich immer wieder, dass sich Beschwerden nach Ausgleich des Eisenmangels vollständig zurückbilden. Weitere Untersuchungen wären dann rückblickend nicht notwendig gewesen.
In der Medizin gilt häufig:
Das Häufige ist häufig. Das Seltene ist selten.
Bevor man an seltene Erkrankungen denkt, sollten zunächst Eisen- und Schilddrüsenwerte überprüft und gegebenenfalls ausgeglichen werden.
Substitution mit Augenmaß
Ein weiterer wichtiger Grundsatz lautet: Es wird nichts supplementiert, was nicht fehlt.
Eine kleine Ausnahme kann man beim Vitamin D machen. In den Wintermonaten halte ich eine niedrig dosierte Einnahme auch ohne vorherige Spiegelbestimmung für vertretbar. Sinnvoller ist jedoch auch hier ein Ausgangswert, um einen passenden Zielbereich festzulegen.
Beim Eisen gilt diese Ausnahme ausdrücklich nicht.
Eisen wirkt – und alles, was wirkt, kann auch Nebenwirkungen haben. Eine unkritische oder dauerhafte Eiseneinnahme ohne Laborkontrollen kann zu einer Eisenüberladung führen. Eisen lagert sich dann in Organen ab und kann dort Schäden verursachen.
Ein extremes Beispiel ist die Hämochromatose. Durch einen genetischen Defekt kommt es hierbei zu einer übermäßigen Eisenaufnahme. Das Eisen lagert sich unter anderem in Leber, Herz und Nervensystem ab und kann schwere Organschäden verursachen.
Die Therapie besteht nicht aus Medikamenten, sondern aus regelmäßigem Aderlass, um überschüssiges Eisen aus dem Körper zu entfernen und Folgeschäden zu minimieren.
Fazit
Für mich gilt in der Medizin ein klarer Grundsatz:
Es wird nichts supplementiert, was nicht fehlt.
Mehr ist nicht besser.
Im Gegenteil: Aus dem klinischen Alltag sind relevante Beschwerden bis hin zu Vergiftungserscheinungen bekannt, etwa durch Vitamin-B6-Überdosierungen, wenn mehrere Präparate parallel eingenommen werden und sich Inhaltsstoffe unbemerkt addieren.
Deshalb gehören Diagnostik, Einordnung und Therapie in ärztliche Hände – und nicht in die Selbstoptimierung.
Auch die Ernährung spielt beim Eisenmangel eine Rolle – nicht nur wegen des Eisengehalts, sondern auch wegen der Resorption im Darm. Wenn Essen Beschwerden verursacht oder chronische Entzündungen im Darm bestehen, kann das die Eisenaufnahme deutlich beeinträchtigen.
Wie Ernährung und Darmbeschwerden medizinisch sinnvoll eingeordnet werden, habe ich hier beschrieben.
Dr. med. Stefan Rupp
Hausarzt in Freiburg-Littenweiler
Allgemeinmedizin, Prävention & Ernährungsmedizin
Autor Dr. med. Stefan Rupp 02.02.2026