Wearables und die neue Unsicherheit

Wenn Uhren beginnen, unseren Körper zu bewerten

„Wie haben Sie geschlafen?“
„Moment, ich muss erst auf meine Uhr schauen.“

Überspitzt formuliert — aber manchmal gar nicht so weit weg von der Realität.

Wearables messen heute alles.
Puls. Schlaf. Sauerstoffsättigung. HRV. Schritte.

Und morgen vermutlich noch viel mehr.

Menschen vertrauen ihren Messwerten inzwischen teilweise mehr als ihrer eigenen Wahrnehmung.

Man sollte doch wissen, wie man geschlafen hat, sollte man meinen. Heute entscheidet nicht selten die Schlafkurve darüber.

Das kann auch Gespräche in der Praxis verändern.

Patienten beschreiben weniger, wie sie sich fühlen.
Sie beschreiben Daten:
„Meine HRV war schlecht.“
„Die Uhr sagt, ich bin gestresst.“
„Meine Sauerstoffsättigung war nachts bei 92 %.“
„Meine REM-Phase war zu kurz.“

Natürlich können solche Devices sinnvoll sein.

Zum Beispiel bei der Dokumentation von Herzrhythmusstörungen, bei Verdacht auf Schlafapnoe oder auch im ambitionierten Ausdauertraining. Dort können zusätzliche Daten tatsächlich helfen, Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Inzwischen gibt es Wearables, die den wahrscheinlichen Eisprung berechnen und den „optimalen Zeitpunkt“ anzeigen.
Man ahnt bereits die nächste Push-Nachricht: „Sie sollten jetzt Sex haben.“
Der menschliche Körper wird damit endgültig zum Projekt mit Echtzeitbenachrichtigung.

Die spannende Frage ist nicht: Wearables ja oder nein? Sondern: Wer dominiert wen?

Was passiert, wenn gesunde Menschen, medizinische Laien, beginnen, permanent jede Körperreaktion zu messen und zu bewerten?

Das in einer Zeit, in der viele Menschen ihren Körper immer genauer beobachten — und ihm gleichzeitig immer weniger vertrauen.

Man sucht Sicherheit in Diagrammen und Messwerten, wird sie dort aber kaum finden, wenn das Vertrauen in den eigenen Körper und in die eigene Urteilskraft verloren geht.

Auch beim Freizeitsport sieht man diese Entwicklung.
Früher merkte man selbst:
Wenn ich dieses Tempo am Berg gehe, komme ich nicht hoch — und ging etwas langsamer. Heute entscheidet darüber oft die Uhr.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Wandel:
Früher hat man seinen Körper erlebt. Heute bewertet man ihn.

Messwerte können hilfreich sein, manchmal sogar unerlässlich.
Sie lassen Flugzeuge sicher fliegen, können Erdbeben vorhersagen und sind in der Medizin unverzichtbar.

Ob sie ins Schlafzimmer gehören, ist eine andere Frage.

Der menschliche Körper ist mehr als eine Datensammlung.

Und nicht jede Erschöpfung, jede Unruhe und jeder schlechte Tag brauchen sofort eine Zahl daneben.

Autor: Dr. med. Stefan Rupp

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