Androgenetischer Haarausfall - Ursachen  verstehen und richtig einordnen

Medizinisch betrachtet sind Haare erstaunlich unwichtig.
Psychologisch offenbar nicht.

Haarausfall wird in der Praxis häufig angesprochen.
Oft steht dabei die Frage im Raum: Liegt es an den Hormonen?

In der Praxis zeigt sich jedoch meist :
Nein, es liegt nicht an den Hormonen.

„Oft hört man den Satz, ich habe zu viel Testosteron “

Das ist leider Weit gefehlt!

Die häufigste Form des Haarausfalls ist der sogenannte androgenetische Haarausfall – bei Männern ebenso wie bei vielen Frauen.

Der Name legt nahe, dass Hormone die zentrale Ursache sind.
Das stimmt – aber anders, als viele vermuten.

Entscheidend ist nicht die Menge der Hormone, sondern die Reaktion darauf.

Im Mittelpunkt steht das Hormon Dihydrotestosteron (DHT), ein Abbauprodukt von Testosteron.

Bestimmte Haarfollikel reagieren darauf überempfindlich – vor allem im Bereich von Stirn, Schläfen und Scheitel.

Die Folge:

  • Die Wachstumsphase der Haare verkürzt sich

  • Die Haare werden mit jedem Zyklus dünner

  • Die Follikel schrumpfen

  • Am Ende stellt sich das Haarwachstum ganz ein

Es handelt sich also nicht um einen „Überschuss“, sondern um eine individuelle Empfindlichkeit.

Warum das vererbt wird – und trotzdem schwer vorherzusagen ist

Diese Empfindlichkeit ist genetisch bedingt.

Ein Teil der genetischen Information liegt auf dem X-Chromosom – daher die bekannte Annahme, Haarausfall werde „über die Mutter vererbt“.

Tatsächlich ist das Bild komplexer:
Heute geht man von einem polygenen Geschehen aus. Mehrere Gene sind beteiligt – und die können von beiden Elternteilen stammen.

Deshalb lässt sich Haarausfall nicht zuverlässig vorhersagen, selbst wenn man die Familiengeschichte kennt.

Nicht jeder Haarausfall ist androgenetisch

In der Praxis zeigt sich häufig:
Die Ursache ist eine andere.

Gerade bei jüngeren Frauen findet sich nicht selten ein Eisenmangel.

Eisen ist entscheidend für Zellteilung und Energieversorgung – Prozesse, die im Haarfollikel besonders aktiv sind.
Fehlt Eisen, kann es zu diffusem Haarausfall kommen, weil mehr Haare gleichzeitig in die Ruhephase übergehen.

Ein weiterer klassischer Faktor ist die Hypothyreose.

Schilddrüsenhormone beeinflussen den gesamten Stoffwechsel – auch das Haarwachstum.
Bei einer Unterfunktion wachsen Haare langsamer, wirken brüchiger und fallen vermehrt aus.

Ein ganz anderes Bild zeigt der Alopecia areata.

Hier handelt es sich um eine Autoimmunreaktion, bei der das Immunsystem die Haarfollikel angreift.
Typisch sind plötzlich auftretende, klar begrenzte kahle Stellen.

Viele Betroffene sind davon zunächst stark beunruhigt.
Der Verlauf ist jedoch sehr unterschiedlich – von spontaner Rückbildung bis zu längerem Bestehen.

Welche Behandlungen es gibt – und wie sie einzuordnen sind

Ein Teil der verfügbaren Therapien setzt direkt am Hormonstoffwechsel an.

Ein Beispiel ist Finasterid.
Der Wirkstoff hemmt ein Enzym (5-Alpha-Reduktase), das Testosteron in DHT umwandelt.

Die Idee dahinter:
Weniger DHT bedeutet weniger Einfluss auf die empfindlichen Haarfollikel.

Ursprünglich wurde der Wirkstoff zur Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung eingesetzt.
Später zeigte sich, dass er auch den Haarverlust verlangsamen kann.

Allerdings gilt auch hier:

  • Die Wirkung ist individuell unterschiedlich

  • Nebenwirkungen sind möglich

  • Eine sorgfältige ärztliche Einordnung ist notwendig

Daneben werden weitere Ansätze untersucht, unter anderem das Protein sCD83, das entzündliche Prozesse beeinflussen könnte.

Die Entwicklung in diesem Bereich bleibt dynamisch und sollte weiter beobachtet werden.

Was bedeutet das für den Alltag?

Haarausfall ist kein einheitliches Krankheitsbild.

Und nicht jede Form hat mit „Hormonen“ im klassischen Sinne zu tun.

Manchmal ist es eine genetische Veranlagung.
Manchmal ein Eisenmangel.
Manchmal die Schilddrüse.
Und manchmal ein ganz anderer Mechanismus.

Deshalb ist die wichtigste Frage nicht:
„Welches Mittel hilft dagegen?“

Sondern:
„Welche Ursache steckt dahinter?“

Erst dann lässt sich sinnvoll entscheiden, ob – und was – überhaupt behandelt werden sollte.

Autor: Dr. med. S. Rupp

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