Allein unter Menschen
Wer anderen hilft, dem wird nicht automatisch geholfen
Proud to care?
Natürlich darf man stolz darauf sein, anderen Menschen zu helfen.
Und trotzdem gehört zur ganzen Wahrheit auch, dass Menschen im Gesundheitswesen überdurchschnittlich häufig unter psychischer Erschöpfung, Einsamkeit, Medikamentenmissbrauch und Suizidalität leiden.
Das wirkt auf den ersten Blick paradox. Denn eigentlich handelt es sich um Berufe voller Nähe, Teamarbeit und Sinnhaftigkeit. Berufe, in denen Menschen füreinander da sind.
Und trotzdem erleben viele genau dort Isolation. Vielleicht liegt darin sogar ein Teil der Erklärung.
Berufe im Gesundheitswesen verlangen nicht nur Fachwissen, sondern auch die Fähigkeit, sich emotional auf andere Menschen einzulassen. Empathie gilt dort fast selbstverständlich als professionelle Eigenschaft.
Wer Leid wahrnimmt, mitträgt und emotional zugänglich bleibt, erlebt Belastungen oft nicht nur beruflich, sondern auch menschlich.
Vielleicht auch deshalb, weil Emotionen im Alltag des Gesundheitswesens häufig kontrolliert, verdrängt oder überspielt werden müssen. Die nächste Visite wartet. Der Dienstplan läuft weiter. Das Wartezimmer bleibt voll.
Hinzu kommt etwas, worüber erstaunlich selten gesprochen wird. Krank zu werden erzeugt im Gesundheitswesen oft nicht nur körperlichen oder psychischen Druck, sondern auch moralischen Druck.
Denn wer sich krankschreiben lässt, weiß meist sehr genau, was danach passiert. Die Arbeit verschwindet nicht. Sie verteilt sich auf die anderen.
Und weil viele Teams ohnehin dauerhaft an der Belastungsgrenze arbeiten, entsteht schnell das Gefühl, Kolleginnen und Kollegen im Stich zu lassen.
Vielleicht ist genau das einer der Unterschiede zu vielen anderen Berufen. Wenn in einem produzierenden Betrieb jemand ausfällt, entstehen weniger Produkte. Im Gesundheitswesen bleiben die Menschen trotzdem da.
Das volle Wartezimmer. Die überfüllte Station. Die Nachtdienste.
Dadurch entsteht ein unausgesprochener moralischer Druck: „Die anderen schaffen das doch auch.“
Die Folgen zeigen sich inzwischen auch in Zahlen.
Internationale Studien weisen darauf hin, dass Menschen im Gesundheitswesen ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Suizidalität und Suchterkrankungen haben. Einige Studien deuten darauf hin, dass das Risiko insbesondere bei Ärztinnen erhöht ist. Aber auch Pflegekräfte und bestimmte Fachrichtungen wie Anästhesie oder Notfallmedizin gelten als besonders belastet.
Interessant ist dabei, dass das Problem nicht nur einzelne Länder oder Gesundheitssysteme betrifft. Ähnliche Beobachtungen finden sich in den USA, in Europa und in vielen anderen westlichen Gesundheitssystemen.
Die Ursachen dürften unterschiedlich sein. Hohe Verantwortung. Schlafmangel. Schichtarbeit. Emotionale Daueranspannung. Und eine Kultur, in der Funktionieren häufig wichtiger erscheint als eigene Verletzlichkeit.
Hinzu kommt im Gesundheitswesen etwas Besonderes: der direkte Zugang zu Medikamenten.
Menschen, die medizinisch arbeiten, kennen Wirkungen, Dosierungen und Risiken oft sehr genau. Vielleicht sinkt dadurch manchmal auch die Schwelle zur Selbstmedikation.
Auch das war lange kein völlig unsichtbares Thema. Manches tauchte eher unterschwellig auf, in Witzen, Andeutungen oder zynischen Bemerkungen.
Früher kursierten im Gesundheitswesen gelegentlich zynische Sprüche wie:
„Lass dich nie von einem nüchternen Chirurgen operieren.“
Alle lachten. Und gleichzeitig schwang oft das Gefühl mit, dass darin mehr Realität steckt, als man offen aussprechen wollte.
Psychische Belastung im Gesundheitswesen wird oft erst dann sichtbar, wenn sie bereits zu groß geworden ist.
Und vielleicht gehört zur ganzen Wahrheit auch, dass Menschen im Gesundheitswesen oft Eigenschaften mitbringen, die gleichzeitig Stärke und Verletzlichkeit sein können.
Die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen. Leid auszuhalten. Emotionale Nähe zuzulassen. Unter Druck Verantwortung zu übernehmen.
All das macht gute Medizin, gute Pflege und menschliche Begleitung überhaupt erst möglich.
Wie wichtig eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung ist, habe ich bereits in einem früheren Beitrag beschrieben.
Gerade solche Menschen brauchen deshalb nicht nur Anerkennung für ihre Leistung, sondern auch besonderen Schutz vor dauerhafter Überforderung.
Denn wer täglich für andere Verantwortung trägt, darf nicht irgendwann selbst daran zerbrechen.
Schon viel wäre gewonnen, wenn wir im Gesundheitswesen nicht nur über Belastbarkeit sprechen würden, sondern auch darüber, wie wir diejenigen schützen, die sich täglich um andere kümmern.
Autor: Dr. med. S. Rupp